Wer derzeit auf die nackten Zahlen der Wirtschaftsinstitute blickt, könnte fast auf die Idee kommen, dass wir die Talsohle durchschritten haben. Mit einem prognostizierten Plus von rund 0,8 bis 1,0 % für das Jahr 2026 blinken die Ampeln statistisch gesehen endlich wieder auf Grün. Doch der Schein trügt gewaltig: Hinter diesem vermeintlichen Aufschwung steckt kein echter neuer Schwung, sondern ein Mix aus staatlichen Milliarden-Spritzen für Schiene und Rüstung sowie schlichtem Kalender-Glück. Allein die zusätzlichen Arbeitstage im Jahr 2026 treiben das BIP nach oben, ohne dass wir wirklich produktiver geworden sind. Während staatliche Investitionen im Wohnungs- und Tiefbau für einen Zuwachs von etwa 0,5 Prozentpunkten sorgen, verharrt der private Konsum trotz einer Normalisierung der Inflation auf 2,0 % weiterhin in der Schockstarre.
In den Chefetagen der deutschen Industrie herrscht deshalb alles andere als Aufbruchstimmung. Der ifo Geschäftsklimaindex verharrte zuletzt bei ernüchternden 87,6 Punkten, was deutlich macht, dass die deutsche Wirtschaft ohne echten Schwung ins Jahr gestartet ist. Besonders alarmierend ist die Lage im Verarbeitenden Gewerbe: Laut aktuellen Konjunkturumfragen planen vier von zehn Industriefirmen für 2026 einen weiteren Stellenabbau. Die Kapazitätsauslastung liegt mit 83,6 % immer noch spürbar unter dem langjährigen Durchschnitt von fast 86 %. Die Unternehmer investieren nicht in die Zukunft, sondern begrenzen den Schaden. Fast ein Drittel der Betriebe plant, die Investitionen weiter zu drosseln, da die hohen Kosten am Standort Deutschland jede Rendite auffressen.
Ein zentraler Bremsklotz bleibt die Energie. Zwar soll der neue Industriestrompreis ab 2026 energieintensive Unternehmen entlasten, doch mit einem Zielwert von 5 Cent pro kWh (und das nur für einen Teil des Verbrauchs) hinkt Deutschland im globalen Wettbewerb weiter hinterher. Zum Vergleich: In den USA oder China zahlen Firmen oft nur zwischen 7 und 8 Cent für ihren gesamten Bedarf, teils sogar deutlich weniger. Diese Schere sorgt dafür, dass Auslandsinvestitionen für viele deutsche Firmen attraktiver werden als der Ausbau im eigenen Land.
Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Deutschland erlebt gerade eine Erholung auf wackeligen Beinen. Der Exportmotor stottert weiter, weil die Weltwirtschaft nur verhalten wächst und der Welthandel mit einem Plus von lediglich 1,5 % kaum Impulse liefert. Solange das Vertrauen in echte Strukturreformen fehlt und die privaten Investitionen ausbleiben, bleibt das Prozentchen Wachstum lediglich eine Zahl in einem Excel-Sheet, die am harten Alltag des Mittelstands komplett vorbeigeht.
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