- Galeria hat erneut Insolvenz angemeldet, zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren.
- 12.000 Jobs sind akut gefährdet, der Geschäftsbetrieb in 83 Filialen läuft vorerst weiter.
- Ursachen: massive Umsatzeinbrüche (-15 % gegenüber Vorjahr), fehlende Finanzspritzen, strukturelle Probleme im Warenhausmodell.
- Betriebsrat fordert Klarheit und hat einen Fragenkatalog an das Management übermittelt.
- Einordnung: Die Insolvenz ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines tiefen Strukturbruchs im stationären Handel.
Das müde Nicken ist das Problem.
Denn hinter dieser Insolvenz stehen 12.000 Menschen, die gerade zum wiederholten Mal erfahren haben, dass die Institution, für die sie arbeiten, möglicherweise nicht mehr existieren wird. Nicht als abstrakte Nachricht. Als realer Einschnitt in eine Lebensplanung, die auf einem Arbeitsvertrag basierte, der plötzlich wieder in Frage steht.
Was diesmal passiert ist, lässt sich schnell erzählen. Die Umsätze sind in den letzten Monaten um rund 15 Prozent eingebrochen. Gordon Brothers, der US-Investor, der nach der letzten Insolvenz eingestiegen war und bereits 160 Millionen Euro bereitgestellt hatte, verweigerte eine weitere Finanzierung. Ohne Liquidität kein Betrieb. Also Insolvenzantrag. Der Geschäftsbetrieb in den 83 Filialen läuft vorerst weiter, aber das ist kein Zeichen von Stärke, es ist das Zeitfenster, das ein Insolvenzverfahren braucht, um zu entscheiden, was als nächstes kommt.
Das erzählt die Geschichte von Galeria aber nur an der Oberfläche.
Was tiefer liegt, ist die Frage, wie ein Unternehmen überhaupt in der Lage ist, viermal innerhalb von sechs Jahren in die Insolvenz zu gehen, und dabei jedes Mal mit dem Versprechen angetreten ist, diesmal werde alles anders. 2020: Insolvenz, Restrukturierung. 2022: erneut Insolvenz, erneut Restrukturierung. 2024 dann der Neustart unter neuen Eigentümern, Gordon Brothers tritt ein, frisches Geld fließt, Führungswechsel, Strategiedokumente, Pressemitteilungen mit Aufbruchsrhetorik. Und 2026 steht man wieder am Amtsgericht Düsseldorf.
Irgendwann muss man akzeptieren, dass das kein Pech ist. Das ist Struktur.
Das Warenhausmodell, eine große Verkaufsfläche in der Innenstadt, die möglichst viele Produktkategorien unter einem Dach vereint, auf Laufkundschaft angewiesen, mit hohen Fixkosten durch Miete und Personal, war als Konzept für eine Welt gebaut, in der der Einkauf ein physischer Akt war, der Präsenz erforderte. Diese Welt gibt es nicht mehr. Sie existiert noch in Resten, in bestimmten Produktkategorien, für bestimmte Zielgruppen. Aber das Rückgrat des Alltagshandels hat sich in eine Richtung bewegt, die kein Warenhaus auffangen kann, ohne sich fundamental zu verändern.
Galeria hat versucht, sich zu verändern. Mehrfach. Mit wechselnden Konzepten, wechselnden Managern, wechselnden Eigentümern. Was dabei nicht gewechselt hat, sind die Grundbedingungen: hohe Mieten in Innenstadtlagen, die für die Eigentümer der Immobilien profitabel und für das Warenhauskonzept erdrückend sind. Ein Onlinehandel, der in den Pandemiejahren einen Boost erlebt hat, von dem er seitdem nicht zurückgekehrt ist. Veränderte Konsumgewohnheiten, bei denen jüngere Generationen Einkaufen zunehmend als Erlebnis oder als Notwendigkeit denken, nicht als Gewohnheit, die in einem Kaufhaus erfüllt wird.
Der Gesamtbetriebsrat hat sofort reagiert. Ein Flugblatt, ein Fragenkatalog, eine Forderung nach Transparenz statt Beruhigungssätzen. Das ist keine Dramatisierung. Das ist die angemessene Reaktion von Menschen, die zum vierten Mal in sechs Jahren erleben, dass die Zukunft ihres Arbeitsplatzes von Entscheidungen abhängt, die anderen getroffen werden, und über die sie im Wesentlichen nicht informiert werden, bis das Verfahren läuft.
Was für die Beschäftigten konkret auf dem Spiel steht, ist erheblich und in seiner Summierung kaum zu überschätzen. Welche Filialen schließen, ist offen. Besonders gefährdet sind Standorte, die bereits im Sommer 2026 auf internen Prüflisten standen, was bedeutet, dass die Schließungspläne wahrscheinlich schon existieren, bevor irgendjemand öffentlich davon spricht. Und dann ist da noch die Frage des Insolvenzgeldes. Die Bundesagentur für Arbeit hatte bereits im Juni darauf hingewiesen, dass, weil Galeria noch unter Planüberwachung steht, eine erneute Zahlung von Insolvenzgeld mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht möglich sei. Das bedeutet: Für Menschen, die in den letzten Monaten ihren Lohn unter Anspannung verfolgt haben und jetzt vor einem Insolvenzverfahren stehen, gibt es möglicherweise nicht einmal die Absicherung, die sonst bei Unternehmensinsolvenzen greift.
Das ist die konkrete Dimension hinter der abstrakten Nachricht.
Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist eine Frage, die niemand in der Öffentlichkeit laut stellt, weil sie unbequem ist. Wie lange soll das noch gehen? Wie viele Insolvenzen, wie viele Restrukturierungen, wie viele Neuanfänge mit neuem Kapital, das dann wieder verbrannt wird, bis jemand mit ausreichend Einfluss und Verantwortung sagt: Das Modell trägt nicht mehr. Nicht wegen schlechten Managements allein, nicht wegen eines schlechten Jahres, nicht wegen eines ungünstigen Marktumfelds. Strukturell.
Es gibt Unternehmensformen, die eine Zeit hatten und dann nicht mehr hatten. Videotheken. Buchdruckereien in ihrer ursprünglichen Form. Reisebüros als Massenmodell. Der Strukturwandel ist keine Strafe und keine Naturkatastrophe. Er ist eine Realität, auf die man reagieren kann, aber nur, wenn man sie benennt.
Galeria als Warenhauskonzept in seiner heutigen Form könnte diese Realität sein. Das wäre kein Scheitern von Menschen, sondern das Ende eines Modells. Aber weil die Menschen und das Modell untrennbar verbunden sind, weil hinter dem Modell 12.000 Arbeitsverhältnisse, 83 Standorte, Hunderte Zulieferbeziehungen hängen, lässt sich das nicht sauber trennen.
Deshalb ist der Betriebsrat im Recht, wenn er Klarheit fordert. Nicht weil Klarheit die Lage ändert. Sondern weil Menschen, die in Unsicherheit leben, wenigstens das Recht haben zu wissen, was mit ihnen passiert. Transparenz statt Vertröstung. Das ist keine unrealistische Forderung.
Das Verfahren läuft. Die Filialen sind geöffnet. Kunden kaufen, Beschäftigte arbeiten, Insolvenzverwalter prüfen.
Und irgendwo in Düsseldorf werden Entscheidungen vorbereitet, von denen 12.000 Menschen noch nichts wissen.
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