- Die Lage am Roten Meer eskaliert weiter: Die Huthi-Miliz aus dem Jemen meldet einen Angriff auf Ziele in Saudi-Arabien.
- Ziel ist offenbar die Hafen- und Raffineriestadt Jazan an der südlichen Küste Saudi-Arabiens; die Huthis sprechen von einem „militärischen Schlag“ als Antwort auf saudische Luftangriffe.
- Parallel dazu reklamieren die Huthis Angriffe auf saudische Öltanker im Roten Meer und drohen mit einer faktischen Blockade der Schifffahrtsroute.
- Saudi-Arabien und verbündete Staaten melden, Luftabwehrsysteme hätten Raketen und Drohnen abgefangen, unter anderem über Yanbu und Jazan; größere Schäden seien zunächst nicht bestätigt.
- Der Konflikt schafft neben dem ohnehin angespannten Strait of Hormuz einen zweiten potenziellen Engpass für den weltweiten Öl- und Warenverkehr, mit Folgen für Preise und politische Spannungen.
Wie viel davon stimmt, ist schwer zu sagen. Unabhängige Bestätigungen sind begrenzt. Die saudische Zivilschutzbehörde warnte die Bevölkerung in Jazan und Yanbu vor möglichen Gefahren. Das ist keine Warnung, die man herausgibt, wenn wirklich alles unter Kontrolle ist.
Um zu verstehen, was gerade passiert, muss man das Rote Meer als das sehen, was es geworden ist: kein Handelsweg, sondern ein Konfliktfeld. Und nicht das erste dieser Art in der Region.
Am Strait of Hormuz, dem Nadelöhr zwischen dem Persischen Golf und dem Indischen Ozean, ist der Verkehr bereits stark eingeschränkt. Die USA haben iranische Militärstellungen angegriffen. Iran hat mit Angriffen auf US-Assets in der Region reagiert. Gespräche in Genf, die auf ein Abkommen hinarbeiteten, wurden durch Militärschläge unterbrochen. Was am Hormuz passiert, passiert mit einem der wichtigsten Ölkorridore der Welt.
Und jetzt passiert dasselbe am anderen Ende der arabischen Halbinsel.
Die Huthis kontrollieren große Teile Nord- und Westjemens, einschließlich von Gebieten nahe der Meerenge Bab al-Mandab, dem südlichen Zugang zum Roten Meer. Wer Bab al-Mandab kontrolliert oder bedroht, kontrolliert oder bedroht die Route, durch die ein erheblicher Teil des globalen Handels fließt: Suezkanal, Rotes Meer, Bab al-Mandab, diese Kette verbindet Asien mit Europa auf dem Seeweg. Wenn die Kette reißt, müssen Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung umleiten. Das dauert Wochen länger. Es kostet entsprechend mehr.
Das ist der strategische Hintergrund, vor dem die Huthi-Angriffe auf Tanker und Hafenstädte zu lesen sind. Das ist keine Stammesfehde, die zufällig eine Schifffahrtsroute berührt. Das ist eine militärische Strategie, die auf globale Wirkung ausgelegt ist.
Die Huthis sind dabei kein autonomer Akteur. Sie sind Teil des sogenannten „Achse des Widerstands", des Netzwerks, das Iran im Nahen Osten aufgebaut hat: Hisbollah im Libanon, Hamas in Gaza, die Huthis im Jemen, verschiedene irakische Milizen. Wenn Iran unter Druck steht, durch US-Sanktionen, durch Militärschläge, durch wirtschaftliche Isolation, fließt dieser Druck durch das Netzwerk in regionalen Eskalationen heraus. Was in Teheran politisch entschieden wird, erscheint als Drohneneinschlag nahe einer saudischen Raffinerie.
Das erklärt die Eskalationslogik, die gerade läuft. Huthis greifen Tanker an und erklären maritime Blockade. Saudi-Arabien schlägt Huthi-Stellungen im Jemen. Die Huthis reklamieren Gegenschläge auf saudische Städte und Raffinerien. Die USA führen Angriffe gegen iranische Ziele, Iran reagiert. Griechenland schützt saudische Infrastruktur mit Patriot-Systemen. Jeder Schlag ruft einen Gegenschlag hervor, der einen weiteren Gegenschlag rechtfertigt.
Das ist keine Auseinandersetzung mit einem klaren Ende. Das ist ein System, das sich selbst antreibt.
Was das für die Weltwirtschaft bedeutet, lässt sich konkret beziffern, oder zumindest abschätzen. Ein gesperrter oder gefährlicher Hormuz treibt Ölpreise nach oben, weil ein Fünftel des globalen Öltransports durch diese Meerenge fließt. Wenn gleichzeitig das Rote Meer unsicher wird, steigen die Frachtkosten für alles, was durch den Suezkanal geht. Reedereien berechnen Risikozuschläge. Versicherungen erhöhen Prämien. Lieferketten werden länger und teurer. Das landet irgendwann in den Preisen, die Verbraucher zahlen: für Benzin, für Waren, für Energie.
Es ist das Paradox der modernen Geopolitik: Regionale Milizen, die in zerbrochenen Staaten operieren, können globale wirtschaftliche Auswirkungen auslösen, die die Lebenshaltungskosten in Ländern beeinflussen, die tausende Kilometer entfernt sind. Die Huthis haben keine Atomwaffen, keine hochentwickelte Luftwaffe, keine Weltmacht hinter sich, die direkt eingreift. Sie haben Raketen, Drohnen, eine geografisch günstige Position, und die Fähigkeit, mit relativ kleinen Mitteln sehr große Störungen zu erzeugen.
Das ist die neue Realität asymmetrischer Kriegführung im Zeitalter globalisierter Lieferketten.
Für Saudi-Arabien ist die Lage besonders heikel. Das Königreich hat jahrelang versucht, den Jemen-Krieg zu gewinnen, oder zumindest zu einem kontrollierbaren Ende zu bringen. Es ist nicht gelungen. Die Huthis sind militärisch stärker als vor zehn Jahren, politisch gefestigter, und technologisch aufgerüstet durch iranische Unterstützung. Saudi-Arabien führt Vergeltungsschläge durch, die kurzfristig Huthi-Stellungen beschädigen und mittelfristig den Krieg prolongieren, ohne ihn zu beenden.
Die offizielle Linie: Gefahr erkannt, abgewehrt, alles unter Kontrolle, ist politisch notwendig. Panik wäre teurer als Entwarnung. Aber die Zivilschutzbehörde, die die Bevölkerung in Jazan und Yanbu warnt, erzählt eine andere Geschichte.
Was in den nächsten Tagen entscheidet, ob die Lage eskaliert oder sich beruhigt, ist kaum vorhersehbar. Zu viele Akteure, zu viele Interessen, zu viele Druckmittel, die gleichzeitig eingesetzt werden. Die USA verhandeln mit Iran über ein Abkommen, während sie iranische Militärstellungen angreifen. Saudi-Arabien führt Luftschläge durch, während es diplomatisch mit Iran einen Ausgleich sucht, der 2023 mit chinesischer Vermittlung begonnen hatte. Die Huthis kämpfen im Namen der Palästinenser, sichern ihre eigene Machtposition im Jemen, und liefern Iran strategische Optionen.
Das Rote Meer ist nicht der einzige Brandherd. Aber es ist einer, der bisher weniger Aufmerksamkeit bekam als der Hormuz, und der das Potenzial hat, genauso folgenreich zu werden.
Zwei Engpässe, gleichzeitig unter Druck. Das hat die Weltwirtschaft bisher noch nicht gehabt.
Noch nicht.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Kommentar