Direkt zum Hauptbereich

Schwarzer Bildschirm, offenes Ohr: Warum LG-Fernseher im Stand-by Audiodaten sammeln

Der Bildschirm ist schwarz. Die Fernbedienung liegt auf dem Tisch. Der Abend ist vorbei. Was im Wohnzimmer wie Stille aussieht, ist es nicht.

JZ-Überblick (Kurz und knackig - Geprüfte KI-Zusammenfassung):
  • Tests zeigen: Bestimmte LG‑Smart‑TVs nehmen Gespräche auch im Stand‑by‑Modus auf, Mikrofone bleiben aktiv, obwohl der Bildschirm dunkel ist.
  • Audio wird lokal gespeichert und später hochgeladen, sobald der Fernseher wieder online ist, kein reiner Live‑Stream, sondern persistentes Logging.
  • Parallel scannen die Geräte das Heimnetzwerk, erfassen IP‑Adressen, Gerätenamen, WLAN‑Infos und Standortdaten und leiten Daten an LG Ad Solutions weiter.
  • Die Funktionen hängen nicht an dubiosen Apps, sondern am Auslieferungszustand von webOS‑Smart‑TVs wie der OLED‑Serie G5.
  • Einordnung: Der Fernseher wird zur stillen Überwachungsinstanz im Wohnzimmer, die Frage ist, ob Nutzer dem Gerät noch vertrauen können, wenn „aus“ nicht mehr wirklich „aus“ bedeutet.

Nahaufnahme einer TV‑Fernbedienung, auf die ein Smart‑TV gerichtet ist; im Hintergrund unscharf die Netflix‑Startseite mit Titel‑Thumbnails.
Tests zeigen: Einige LG‑Smart‑TVs nehmen auch im Stand‑by‑Modus Gespräche auf: Mikrofone bleiben aktiv, obwohl der Bildschirm ausgeschaltet ist.

Sicherheitsforscher von Gamers Nexus, Level1Techs und weiteren Teams haben dokumentiert, dass aktuelle LG-OLED-Fernseher mit webOS auch im Stand-by-Modus Sprachaufnahmen anfertigen, und diese Daten anschließend an externe Server übertragen. Getestet wurde unter anderem das Modell G5, an handelsüblichen Retail-Geräten. Keine Laborprototypen. Fernseher, wie sie in Wohnzimmern stehen.

Was die Forscher gefunden haben, ist methodisch sauber dokumentiert. Sie erzeugten Sprachsignale in der Nähe der Geräte, trennten zeitweise die Internetverbindung und zeichneten den Datenverkehr mit Wireshark auf. Ergebnis: Bei getrennter Verbindung speicherte der Fernseher Audiodaten lokal. Nach Wiederherstellung der Verbindung wurden die gespeicherten Sprachdaten automatisch hochgeladen. Das ist kein Live-Sprachdienst, der nur bei aktiver Verbindung arbeitet. Das ist ein persistentes Logging-System.

Das Mikrofon läuft. Der Bildschirm ist aus. Und niemand hat das sichtbar gemacht.

Parallel dazu stellten die Forscher fest, dass die Fernseher das lokale Heimnetz aktiv scannen. Interne IP-Adressen anderer Geräte, Smartphones, Smartwatches, Tablets, werden erfasst. Gerätenamen, WLAN-SSID, Signalstärken, daraus ableitbare Standortinformationen. Ein Teil dieser Daten fließt laut Auswertungen an LG Ad Solutions, die Werbesparte des Konzerns, die damit wirbt, "secondary addressable devices" zu erreichen, also Geräte, die gar nicht LG gehören, aber im selben Netzwerk hängen.

Der Fernseher schaut nicht nur zu. Er schaut sich um.

Die technische Grundlage dahinter ist Automatic Content Recognition, kurz ACR. LG-Fernseher übersetzen Bild- und Toninhalte in digitale Fingerabdrücke, auch über HDMI-Eingänge von Konsolen oder Streaming-Boxen. Screenshots und Audiomitschnitte werden protokolliert, um Nutzungsverhalten auszuwerten und Werbung zu personalisieren. Das ist kein Geheimnis, aber es ist auch kein Feature, das beim Kauf offen kommuniziert wird.

Dazu kommen Schwachstellen in webOS, die potenziell Remote-Code-Ausführung ermöglichen könnten. Details sind noch im Offenlegungsverfahren. Was feststeht: Ein Gerät, das Audio- und Netzwerkdaten sammelt, und ein Betriebssystem, das Angriffsfläche für externe Akteure bietet. Diese Kombination ist kein theoretisches Problem.

Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist nicht die Technik. Es ist die Erwartung.

Menschen gehen davon aus, dass ein Gerät im Stand-by inaktiv ist. Das ist eine vernünftige Erwartung, eine, die auf dem Verständnis basiert, dass "aus" bedeutet: nicht aktiv, nicht lauschend, nicht kommunizierend. Diese Erwartung ist falsch, zumindest bei bestimmten LG-Modellen. Und sie ist falsch, ohne dass irgendjemand das klar kommuniziert hat.

Es ist nicht die Logik von Spionage, die hier am Werk ist. Es ist die Logik der Werbeindustrie: mehr Daten, mehr Profile, mehr adressierbare Geräte. Das klingt nüchterner. Es ist trotzdem ein Fernseher, der in einem privaten Wohnzimmer zuhört, während die Bewohner glauben, er schläft.

Die Forscher kritisieren, dass diese Aktivitäten nicht klar genug in den Datenschutzhinweisen erklärt werden, nicht an eine sichtbare Statusanzeige wie eine Mikrofon-LED gekoppelt sind, und für normale Nutzer faktisch nicht nachvollziehbar sind, es sei denn, man führt selbst eine Netzwerkanalyse durch. Letzteres tut niemand, der nicht explizit Sicherheitsforscher ist.

Ob LG gegen Datenschutzrecht verstößt, müssen Behörden klären. Die DSGVO hat klare Anforderungen an Einwilligung und Transparenz, und ob eine mehrseitige Datenschutzerklärung im Einrichtungsassistenten diese Anforderungen erfüllt, ist eine juristische Frage mit offenem Ausgang.

Wer handeln will, ohne auf Behörden zu warten, hat konkrete Optionen. In den webOS-Einstellungen lassen sich Mikrofon- und Sprachfunktionen deaktivieren, ACR-Funktionen und personalisierte Werbung abschalten, und die Option "Nutzungsdaten teilen" ausschalten. Wer bei sensiblen Gesprächen auf Nummer sicher gehen will, trennt das Gerät vom WLAN. Wer technisch versiert ist, kann mit einfachen Router-Tools prüfen, welche Geräte im Heimnetz ungewöhnlich viel Datenverkehr erzeugen.

Aber das ist die Arbeit, die Nutzer leisten müssen, damit ein Gerät das tut, was sie annehmen, dass es tut: nichts, wenn es aus ist.

Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr.











Kommentar: Jonas
Bildquelle: Piotr Cichosz auf Unsplash
JZ-App

Kommentare

Beliebte Beiträge

Sicherer Verkehr, verletzte Fahrer: Interne Berichte enthüllen Verletzungen bei Robotaxi-Tests

Es gibt eine Zahl, die in den Pressemitteilungen über autonomes Fahren nicht vorkommt. Nicht die Millionen gefahrener Kilometer. Nicht die Unfallraten im Vergleich zu menschlichen Fahrern. Nicht die Effizienzgewinne, die Zeitersparnisse, die CO₂-Bilanzen. JZ-Überblick (Kurz und knackig - Geprüfte KI-Zusammenfassung): Robotaxis von Waymo und Zoox verletzen Testfahrer:innen immer wieder, durch abrupte Vollbremsungen und plötzliche Manöver. Mindestens zwei Dutzend dokumentierte Verletzungen 2024-2025 : Schleudertraumata, Verstauchungen, Handgelenksbrüche, langanhaltende Rückenbeschwerden. Ursache sind „Nogos“ und harte Bremsmanöver bei hohen Geschwindigkeiten , wenn die Software vermeintliche Hindernisse falsch interpretiert oder sich abschaltet. Waymo und Zoox skalieren ihre Flotten trotzdem weiter , während Testfahrer:innen als „menschlicher Puffer“ zwischen Softwarefehlern und Realität fungieren. Einordnung: Die Verletzungen sind kein Randphänomen, sondern ein Symptom dafür, dass die...

Apple-Leak: Kommt das faltbare iPhone mit Pencil-Unterstützung?

Steve Jobs sagte es 2007 auf der Bühne, als er das erste iPhone präsentierte. Finger statt Stift. Direkte Interaktion statt Zubehör. Ein Satz, der eine Gerätegeneration prägte und seither in jedem Gespräch über Stifteingabe auf Smartphones auftaucht, als wäre er in Stein gemeißelt. JZ-Überblick (Kurz und knackig - Geprüfte KI-Zusammenfassung): Apple soll für das faltbare iPhone einen Pencil‑Prototyp getestet haben, trotz Steve Jobs’ legendärem Satz: „Niemand will einen Stylus.“ Interne Tests zeigen: Ein Foldable mit großem Innen‑Display könnte vom Pencil profitieren , etwa für Skizzen, Notizen und präzise Eingaben. Der Pencil wäre nicht der klassische Apple Pencil , sondern ein kleineres oder magnetisch integrierbares Modell. Das Projekt ist nicht bestätigt , aber mehrere Leaks deuten auf Hardware‑Tests im Rahmen der Foldable‑Entwicklung hin. Einordnung: Apple ringt mit der Frage, ob ein Foldable ein neues Interaktionsmodell braucht, und ob ein Stylus heute weniger „verpönt“ ist als ...

6 neue Regeln gegen die Sucht: Wie Meta Instagram und Facebook für Jugendliche umbaut

Es hat eine Klage gebraucht. Eine Klage von mehreren US-Bundesstaaten, die Meta vorwarfen, Instagram und Facebook bewusst so gestaltet zu haben, dass Kinder und Jugendliche dranbleiben. Mit endlosen Feeds, Likes, Filtern, Benachrichtigungen, die im Sekundentakt kommen. Der Vergleich, der daraus entstanden ist, zwingt den Konzern jetzt zu etwas, das die Plattformen jahrelang vermieden haben: Suchtbremsen als Standard, nicht als versteckte Option irgendwo tief in den Einstellungen. JZ-Überblick (Kurz und knackig - Geprüfte KI-Zusammenfassung): Meta muss Instagram und Facebook für Minderjährige grundlegend umbauen: Ergebnis eines bis zu 18‑Milliarden‑Dollar‑Vergleichs mit 29 US‑Bundesstaaten. Kern der Reform: tägliches Zeitlimit von zwei Stunden , Nachtmodus (Sperre zwischen Mitternacht und 6 Uhr), Schulmodus (stummgeschaltete Benachrichtigungen) und mehr Kontrolle für Eltern. Viele Schutzfunktionen werden künftig Standard und nicht mehr „Opt‑in“: Teen‑Accounts starten mit Sicherhei...

Sicherheitsrisiko am Sperrbildschirm: WhatsApp-Fehler erlaubt Foto-Einblick ohne Entsperrung

Es ist kein Hack. Kein komplizierter Exploit, keine versteckte Entwicklerfunktion, kein Angriff aus der Ferne. Es ist ein Designfehler. Und deshalb ist er so brisant. Der Sicherheitsforscher José Rodriguez hat eine Lücke in WhatsApp öffentlich gemacht, die Meta inzwischen bestätigt hat. Das Szenario ist erschreckend simpel: Ein gesperrtes Android-Gerät erhält einen WhatsApp-Videoanruf. Der Anruf wird direkt vom Sperrbildschirm angenommen. Im Anruf erscheint die Schaltfläche für Effekte und Hintergründe. Über die Option "Foto bearbeiten" oder "Mit Meta AI erstellen" öffnet sich die komplette Fotogalerie: ohne Fingerabdruck, ohne PIN, ohne Muster JZ-Überblick (Kurz und knackig - Geprüfte KI-Zusammenfassung): WhatsApp hat eine schwerwiegende Android‑Lücke: Bei eingehenden Videoanrufen lässt sich die komplette Fotogalerie öffnen, trotz gesperrtem Bildschirm . Der Bug ist extrem einfach ausnutzbar: Ein Wisch zum Annehmen, ein Tipp auf „Effekte“ → Fotobibliothek offen...

Vom Index zum Agenten: Googles Suche lernt das Handeln

Es gibt ein Bild, das das Internet der letzten Jahrzehnte geprägt hat wie kaum ein anderes. Eine weiße Seite, ein Suchfeld, und darunter zehn blaue Links. So sah das Web aus, wenn man etwas wissen wollte. So sah Orientierung aus. JZ-Überblick (Kurz und knackig - Geprüfte KI-Zusammenfassung): Google testet erstmals komplette KI‑Antworten direkt in der Suche, ohne klassische Trefferliste. Gemini 3 ist nun das Standardmodell für KI‑Übersichten und liefert sofort eine vollständige, dialogfähige Antwort. Das Suchfeld wurde grundlegend überarbeitet : multimodal, kontextbewusst, mit KI‑gestützten Formulierungshilfen. Google verschiebt die Suche Richtung „agentische KI“, Suchagenten recherchieren, überwachen und handeln im Hintergrund. Einordnung: Die Ära der zehn blauen Links endet, die Suche wird zu einem KI‑Dialogsystem, das Antworten synthetisiert statt nur Quellen zu listen. Google testet KI‑Antworten direkt in der Suche: das klassische Modell der Trefferliste wandelt sich. Google b...