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Künstlich verbilligt: Warum der Strompreis 2026 sinkt, und warum das kein Grund zur Euphorie ist

37 Cent pro Kilowattstunde. Das ist der durchschnittliche Haushaltsstrompreis in Deutschland 2026, rund 2,3 Cent weniger als noch im Vorjahr. Für jemanden, der die letzten vier Jahre Stromrechnungen verfolgt hat, klingt das nach einer Kleinigkeit. Es ist keine.

JZ-Überblick (Kurz und knackig - Geprüfte KI-Zusammenfassung):
  • Strompreise sinken 2026 spürbar, Haushalte sparen im Schnitt 160 € pro Jahr dank staatlicher Entlastungen.
  • Netzentgelte werden massiv reduziert, der Bund bezuschusst sie mit 6,5 Mrd. €, das drückt die Strompreise über mehrere Jahre.
  • Gasspeicherumlage entfällt vollständig, Gas wird günstiger, und damit auch Strom aus Gaskraftwerken.
  • Industriestrompreis eingeführt: energieintensive Unternehmen erhalten einen Zielpreis von 5 ct/kWh.
  • Erneuerbare steigen auf 55 % Anteil, was die Großhandelspreise zusätzlich drückt.
  • Einordnung: Die sinkenden Strompreise sind kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Eingriffe, günstigerer Netzkosten und hoher erneuerbarer Einspeisung.
Ein hoher Strommast mit mehreren Leitungen steht vor einem Himmel in Blau‑ und Rosatönen; die Silhouette hebt sich klar vom Hintergrund ab.
Experten erwarten sinkende Strompreise: Staatliche Entlastungen und hohe Einspeisung erneuerbarer Energien drücken die Kosten.

Seit der Energiekrise 2021 haben Haushalte und Unternehmen systematisch mehr gezahlt. Die Gaskrise, der russische Angriffskrieg, die Abkopplung von russischer Energie, der Preisschock an den Großhandelsmärkten, all das hat sich in Rechnungen niedergeschlagen, die für viele nicht mehr selbstverständlich zu bezahlen waren. Jetzt dreht sich die Richtung. Und wer verstehen will, warum, muss mehrere Dinge gleichzeitig betrachten.

Der erste und größte Hebel ist die Netzentgelt-Förderung. Der Bund bezuschusst die Übertragungsnetzentgelte 2026 mit 6,5 Milliarden Euro. Das klingt nach einem Haushaltsposten, den man kaum übersetzen kann. Für einen Haushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch bedeutet es rund 100 Euro weniger Stromkosten allein durch diese Maßnahme. Netzentgelte machen rund 25 Prozent des Strompreises aus, wenn sie sinken, sinkt der Gesamtpreis merklich. Über vier Jahre rechnet das Bundeswirtschaftsministerium mit einer Gesamtentlastung von 26 Milliarden Euro, was sich für Aussenstehende wiederum nach einer Zahl ohne Kontext anfühlt, aber in diesem Fall eine ist, die real ankommt.

Gleichzeitig fällt ab 2026 die Gasspeicherumlage vollständig weg. Das ist eine Umlage, die nach der Gaskrise eingeführt wurde, um die enormen Kosten für die Befüllung der Gasspeicher auf Verbraucher und Unternehmen umzulegen. Sie war notwendig, sie war teuer, und jetzt entfällt sie. Das senkt nicht nur Gaspreise direkt, sondern auch Strompreise, weil Gaskraftwerke günstiger produzieren können, und Gaskraftwerke in Deutschland nach wie vor einen erheblichen Teil der Stromerzeugung abdecken, besonders wenn Wind und Sonne gerade nicht liefern.

Für Unternehmen gibt es zusätzlich zwei Maßnahmen, die zusammen die industrielle Stromnachfrage stabilisieren sollen. Mehr als 600.000 Betriebe zahlen ab 2026 dauerhaft die EU-Mindeststromsteuer statt der bisher höheren deutschen Sätze. Und seit dem 1. Januar 2026 gilt für energieintensive Firmen ein subventionierter Industriestrompreis mit einem Zielwert von 5 Cent pro Kilowattstunde, Unternehmen kaufen zum Marktpreis und erhalten die Differenz als Ausgleich. Das klingt technisch und ist es auch, aber die Konsequenz ist simpel: Energieintensive Branchen, die in den letzten Jahren ernsthaft erwogen haben, Produktion ins Ausland zu verlagern, haben etwas bekommen, das als Argument zum Bleiben taugt.

Und dann ist da noch die Energiewende, die 2026 erstmals wirklich in den Preisen ankommt.

Erneuerbare Energien decken 2026 rund 55 Prozent der Stromerzeugung ab. Das ist ein historischer Wert. An Tagen mit hoher Wind- und Solarproduktion drückt diese Menge den Börsenstrompreis nach unten, manchmal sehr weit nach unten. Am 1. Mai 2026 fiel der Börsenstrompreis auf minus 50 Cent pro Kilowattstunde. Überproduktion trifft niedrige Nachfrage, das Netz ist voll, und im Extremfall zahlen Stromerzeuger dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt.

Negative Strompreise sind spektakulär und zugleich symptomatisch für ein strukturelles Problem: Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist der Richtung nach richtig, aber er läuft schneller als die Infrastruktur, die nötig wäre, um diesen Strom auch dann zu nutzen, wenn er produziert wird. Fehlende Speicherkapazität, zu wenig grenzüberschreitende Leitungen, zu langsamer Ausbau der Verteilnetze. Die Energiewende erzeugt in Spitzenphasen Überfluss und in Schwachwindphasen nach wie vor Abhängigkeit von konventionellen Kraftwerken. Das ist kein Widerspruch, das ist der aktuelle Zustand.

Zusammen, Netzentgelt-Zuschuss, Gasspeicherumlage, Stromsteuer, Industriestrompreis, spricht die Bundesregierung von einer Gesamtentlastung von rund 10 Milliarden Euro jährlich. Für Haushalte ergibt das im Schnitt 160 Euro weniger pro Jahr bei Strom und Gas. Nicht transformativ, aber spürbar. Für Familien, die in den letzten Jahren genau auf solche Rechnungen geschaut haben, ist das eine reale Verbesserung.

Was die regionalen Unterschiede betrifft, ist die Lage differenzierter. 37 Cent ist der Durchschnitt, aber Strom kostet je nach Region, Netzbetreiber und Anbieter unterschiedlich viel. Unterschiedliche Netzausbaukosten, regionale Unterschiede bei erneuerbarer Einspeisung, variierende Beschaffungskosten. Der liberalisierte Strommarkt ist kein einheitliches Gebilde, er ist ein System mit lokalen Eigenheiten, das nationale Durchschnittswerte erzeugt, die manchmal wenig über die individuelle Rechnung aussagen.

Was mich bei dieser Geschichte wirklich beschäftigt, ist nicht die aktuelle Entlastung. Die ist real und sie ist gut. Was mich beschäftigt, ist die Frage, wie sie zustande gekommen ist.

Die sinkenden Strompreise sind kein Marktphänomen. Sie sind kein natürliches Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Sie sind das Resultat massiver staatlicher Eingriffe, Subventionen, Umlagen-Abschaffungen, Industriepreise, Netzentgelt-Zuschüsse. Der Staat gibt Milliarden aus, damit Strom billiger wird. Das ist politisch verständlich, wirtschaftlich wirksam und gleichzeitig keine Lösung, die sich von selbst trägt.

Wenn die Subventionen irgendwann auslaufen, oder wenn ein neues politisches Klima entscheidet, dass man diese Ausgaben nicht mehr tragen will, kehren die Preise zurück. Oder steigen weiter, wenn der Netzausbau teurer wird als geplant. Das Grundproblem, ein Energiesystem im Übergang, das gleichzeitig alt und neu ist, mit Überkapazitäten in Spitzenphasen und Engpässen in Schwachwindphasen, lösen diese Maßnahmen nicht. Sie dämpfen die Kosten dieses Übergangs.

Das ist keine Kritik. Übergänge müssen gedämpft werden, wenn man nicht will, dass sie Gesellschaften überfordern. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass "Strom wird günstiger" keine permanente Aussage ist, sondern eine über dieses Jahr, unter diesen Bedingungen, mit diesem Bundeshaushalt.

Der 1. Mai 2026. Minus 50 Cent pro Kilowattstunde. Zu viel Strom, zu wenig Abnehmer, zu wenig Leitungen, um den Überschuss irgendwo hinzubringen.

Das ist die Energiewende im Jahr 2026. Erfolgreich und unfertig gleichzeitig. Günstiger als vor einem Jahr, teurer als nötig, billiger als es ohne politische Eingriffe wäre.

Und ob das so bleibt, entscheidet sich nicht im Kraftwerk. Es entscheidet sich im Haushalt, im Bundestag, und auf den Trassen, die noch nicht gebaut sind.










Kommentar: Jonas
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