- Die deutschen Gasspeicher liegen aktuell bei 50,2 %, ein historischer Tiefstand für Mitte August.
- Das gesetzliche Ziel für den 1. November 2026 beträgt 70 %, nicht mehr 80 %, doch selbst diese Marke gilt als „immer enger“.
- Hauptproblem: extrem hohe Sommerpreise wegen Iran‑Krieg und Hormus‑Blockade: Einspeichern wäre für Händler ein Verlustgeschäft.
- Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betont: Keine Gasmangellage erwartet, aber die Vorsorge liegt primär bei den Händlern.
- Einordnung: Die Versorgung ist stabiler als 2022, doch der Puffer schrumpft, und das Zeitfenster schließt sich.
Gas ist im Sommer 2026 teurer als die Winter-Terminkontrakte. Wer jetzt einspeichert, verkauft im Winter günstiger als er eingekauft hat. Das macht niemand freiwillig. Das ist der Grund, warum es niemand einspeichert.
Das ist der Kern des Problems, und er hat einen Namen: Straße von Hormus.
Die anhaltende Blockade im Persischen Golf hat die globalen Energiepreise massiv nach oben getrieben. Insbesondere das verflüssigte Erdgas (LNG), das über die neuen Terminals nach Deutschland fließt, ist dadurch extrem teuer geworden. Solange die Notierungen für den Winter unter diesen aktuellen Beschaffungskosten liegen, rechnet sich das Geschäft für die Händler schlichtweg nicht.
Das Gesetzesziel für den 1. November liegt bei 70 Prozent, vor einigen Jahren war es noch 80 Prozent, es wurde abgesenkt, aber 70 bleibt eine hohe Marke, wenn man im August bei 50 steht.
Kerstin Andreae vom Energieverband BDEW hat das im Deutschlandfunk so formuliert: „80 Prozent ist eine absolut hohe Zahl, wenn wir heute bei 50 Prozent sind. Das ist irgendwann physikalisch nicht mehr möglich." Selbst bei 70 Prozent ist der Zeitdruck hoch. Nur noch wenige Wochen bis November, keine Entspannung am LNG-Markt in Sicht, und ein früher Wintereinbruch als zusätzliches Risiko.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche versucht, die Lage zu beruhigen. Sie verweist darauf, dass Deutschland heute deutlich krisenfester aufgestellt sei als in 2022. Eine akute Gasmangellage drohe nicht, und das Fundament der Versorgung stehe: Norwegen liefert verlässlich fast die Hälfte des Bedarfs, Pipelines aus Frankreich und Belgien laufen stabil, und die neuen US-LNG-Terminals arbeiten unter Volllast.
Die Speicher, so die Argumentation des Ministeriums, seien ohnehin nur als Puffer für Spitzenlasten gedacht, während die primäre Wintervorsorge in der Verantwortung der Händler liege.
Diese Argumentation ist zwar nicht falsch, erzählt aber nur die halbe Geschichte. Seit dem russischen Lieferstopp hat Deutschland seine Hausaufgaben gemacht und die Bezugsquellen erfolgreich diversifiziert.
Die Versorgungsstruktur ist robuster geworden, das ist unbestritten. Doch ein Puffer ist eben nur dann ein Puffer, wenn er im Ernstfall auch gefüllt ist.
Ein dünnes Polster verringert den Spielraum drastisch, sobald mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig zutreffen: Ein unerwartet strenger Winter, eine technische Störung im Pipelinenetz und die fortlaufende Blockade an der Straße von Hormus, einzeln ist jedes dieser Szenarien beherrschbar, in der Kombination jedoch brandgefährlich.
Genau hier stößt das europäische Marktmodell an seine Grenzen. Da bisher nur 78 Prozent der deutschen Speicherkapazitäten überhaupt fest von Händlern gebucht wurden, zeigt sich das Dilemma: Die Privaten agieren rein renditeorientiert. Stimmt die Marge nicht, bleibt der Speicher leer.
Energiesicherheit im Winter ist jedoch kein rein marktwirtschaftliches Gut, sondern Teil der staatlichen Daseinsvorsorge.
Was Deutschland in diesem Herbst erlebt, ist zwar keine Kopie der Panik von 2022, aber eine ungemütliche Erinnerung daran, dass Versorgungssicherheit kein statischer Zustand ist. Sie muss jeden Sommer, jedes Jahr neu erarbeitet werden.
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