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Zehn Jahre danach: Großbritannien und die schmerzhafte Suche nach dem Weg zurück in die EU

Im Jahr 2016 hat Großbritannien abgestimmt. 52 zu 48. Leave won. Was folgte, war ein jahrelanges Chaos aus Verhandlungen, Misserfolgen, Premierministerwechseln und einer Wirtschaft, die sich nie so entwickelt hat, wie die Brexit-Befürworter versprochen hatten. Jetzt, ein Jahrzehnt später, hält laut Umfragen die Mehrheit der britischen Bevölkerung den Austritt für einen Fehler.

JZ-Überblick (Kurz und knackig):
  • Eine Rückkehr Großbritanniens in die EU ist kein Randthema mehr: Eine Mehrheit der Briten hält den Brexit für einen Fehler und wünscht sich eine Wiederannäherung.
  • Brüssel stellt klare Bedingungen: Euro‑Einführung, volle Freizügigkeit, höhere Beiträge: keine Sonderrabatte mehr.
  • Politisch heikel: Die Labour‑Regierung steht zwischen wirtschaftlichem Druck und einer EU‑skeptischen Bevölkerung.
  • Geopolitisch relevant: Eine Rückkehr könnte Machtverschiebungen in Europa, im transatlantischen Verhältnis und im globalen Handel auslösen.
  • Aber: Der Weg zurück wäre lang, teuer und politisch explosiv: für beide Seiten.

Britische Flagge weht auf Halbmast vor bewölktem Himmel; die Mastspitze ist vergoldet.
Symbolische Schwere: Die Debatte über eine mögliche Rückkehr Großbritanniens in die EU gewinnt an Dynamik: politisch bleibt das Land tief gespalten.


Das ist bemerkenswert. Und es verändert die politische Diskussion.

Keir Starmer regiert, Labour ist an der Macht, und der Druck wächst, die britische Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Investitionsrückgang, Handelsbarrieren, Wachstumsschwäche: die Bilanz des ersten Brexitjahrzehnts fällt in vielen Analysen verheerend aus. Was als Befreiungsschlag verkauft wurde, hat sich für einen wachsenden Teil der Öffentlichkeit als wirtschaftliche Hypothek erwiesen. Die engere Anbindung an den EU-Binnenmarkt gilt vielen Ökonomen schlicht als der schnellste Weg zurück zu Wachstum.

Aber London und Brüssel haben nicht dieselben Vorstellungen davon, wie eine Rückkehr aussehen würde. Und das ist das eigentliche Problem.

Die EU hat in dieser Frage eine klare Linie gezogen: Keine Sonderrolle, keine maßgeschneiderten Ausnahmen, keine Wiederaufnahme alter Rabatte. Wer zurückkommt, kommt vollständig zurück. Das bedeutet Euro, volle Akzeptanz der vier Freiheiten, deutlich höhere finanzielle Beiträge. Brüssel hat gute Gründe, so zu argumentieren, ein UK mit Sonderbehandlung wäre ein Präzedenzfall, den die EU sich nicht leisten kann, nicht gegenüber den 27 verbliebenen Mitgliedern, nicht gegenüber künftigen Beitrittskandidaten.

Für Großbritannien ist das innenpolitisch ein Minenfeld. Der Euro ist im Land weiterhin hoch umstritten. Höhere EU-Beiträge sind schwer vermittelbar an eine Bevölkerung, die jahrelang hörte, das Brexit-Geld gehöre dem Nationalen Gesundheitsdienst. Und Nigel Farage mit seiner Reform UK wartet darauf, dass die Labour-Regierung auch nur den Anschein erweckt, Europa näher zu rücken.

Das macht Starmers Position zu einer der schwierigsten in der britischen Nachkriegspolitik. Er muss die Wirtschaft stabilisieren. Er kann dafür die EU-Anbindung stärken wollen. Er darf dabei aber nicht zu offen darüber sprechen, weil sonst die innenpolitische Deckung wegbricht.

Was eine tatsächliche Rückkehr geopolitisch bedeuten würde, ist eine andere Frage, und eine interessantere. Europa hätte eine der größten Militärmächte des Kontinents zurück im Club. Ein globaler Finanzplatz. Eine Stimme, die in Washington und in Peking gehört wird. In einer Phase, in der die EU gerade dabei ist, sich sicherheitspolitisch neu zu definieren, wäre das ein erheblicher Gewinn. Großbritannien war jahrzehntelang der Brückenstaat zwischen Washington und Brüssel, diese Rolle hat es mit dem Brexit nicht verloren, aber sie wurde schwächer.

Eine Rückkehr würde auch eine symbolische Wirkung haben, die über Europa hinausgeht. Der Brexit war eines der ersten großen populistischen Großprojekte, ein Referenzpunkt für ähnliche Bewegungen weltweit. Wenn es sich als gescheitert erweist, und zwar so gescheitert, dass das Land zurückkommt, ist das eine Botschaft. Eine, die nicht laut gesagt werden muss, um verstanden zu werden.

Aber es ist noch kein Beschluss. Noch nicht einmal eine offizielle Debatte. Es ist eine Stimmung, eine Verschiebung in der öffentlichen Wahrnehmung, ein wachsendes Unbehagen mit den Konsequenzen einer Entscheidung, die viele inzwischen anders treffen würden.

Der Weg von einer Stimmung zu einem Referendum ist lang. Und der Weg von einem Referendum zu einem Beitritt noch länger.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Briten zurück können. Sie können, wenn sie die Bedingungen akzeptieren. Die Frage ist, ob sie bereit sind, den Preis zu zahlen. Den Euro zu übernehmen. Die Beiträge zu erhöhen. Die Sonderrolle aufzugeben.

Das ist keine technische Frage.

Das ist eine Frage der nationalen Identität.

Und die ist schwerer zu beantworten als jede Wirtschaftsanalyse.





Kommentar: Jonas
Bildquelle: Maxim Hopman auf Unsplash
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