- Reiche fordert in China verlässlichen Zugang zu Seltenen Erden: deutsche Industrie warnt vor wachsender Abhängigkeit.
- Fairer Wettbewerb & Reziprozität: Deutschland verlangt gleiche Marktbedingungen für deutsche Firmen.
- China bleibt wichtigster Handelspartner: über 250 Mrd. € Außenhandelsvolumen 2025.
- Exportkontrollen belasten deutsche Unternehmen: Reiche fordert Lockerungen und transparente Verfahren.
- Reise knüpft an Merz‑Besuch an: Ziel: „ausbalancierten Zustand“ in den Beziehungen herstellen.
Das ist eine schwierige Verhandlungsposition. Man kommt mit Forderungen zu einem Partner, von dem man abhängig ist.
China kontrolliert rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung Seltener Erden. Das ist keine abstrakte Statistik; das ist die Achillesferse der deutschen Industrie. Automotoren, Halbleiter, Magnete, High-Tech-Bauteile: All das hängt an Materialien, deren Verarbeitung fast ausschließlich in China stattfindet. Als China seine Exportkontrollen als Reaktion auf US-Strafzölle verschärfte, spürten das deutsche Unternehmen unmittelbar. Lieferengpässe, langsamere Produktionslinien, höhere Kosten. Die Abhängigkeit, über die Politiker seit Jahren reden, hat plötzlich eine sehr konkrete Gestalt angenommen.
Reiche fordert ein „diskriminierungsfreies, transparentes und beschleunigtes Verfahren" für deutsche Unternehmen. Sie kritisiert Exportkontrollen, die nicht internationalen Standards entsprechen, und Genehmigungsverfahren, die intransparent und politisch motiviert sind. Das sind berechtigte Forderungen. Sie sind auch Forderungen, die China nicht erfüllen muss: und das weiß Reiche.
Das Leitprinzip, das sie in Peking nennt, heißt Reziprozität. Gleiche Marktchancen für Unternehmen beider Länder. „Wettbewerb muss transparent sein und beiden Seiten nutzen." Das klingt nach Augenhöhe. Die Realität sieht anders aus. Deutsche Unternehmen klagen seit Jahren über ungleiche Marktzugänge, staatliche Subventionen für chinesische Konkurrenten, regulatorische Hürden, die für ausländische Firmen höher liegen als für heimische. Diese Asymmetrie ist nicht neu, sie ist dokumentiert, und sie besteht fort, trotz Gesprächsrunden, Wirtschaftsdialogsformaten und Ministerbesuchen, die seit einem Jahrzehnt stattfinden.
Was neu ist, ist die Schärfe der Abhängigkeit.
250 Milliarden Euro Außenhandelsvolumen zwischen Deutschland und China im Jahr 2025. Chinesische Investitionen in Deutschland, deutsche Investitionen in China: 2025 erreichten letztere ein Vierjahreshoch. Das sagt alles, was man über die Diskrepanz zwischen politischer Rhetorik und wirtschaftlicher Realität wissen muss. Die Bundesregierung redet über Diversifizierung, Risikoreduzierung, strategische Autonomie. Die deutschen Konzerne investieren unterdessen mehr in China als je zuvor. Der Markt macht seine eigene Politik.
Das ist kein Vorwurf an die Unternehmen. Sie reagieren auf Anreize, auf Marktgröße, auf Wachstumspotenzial, das anderswo so nicht existiert. Aber es zeigt, wie schwierig es ist, staatliche Diversifizierungsstrategie gegen wirtschaftliche Gravitationskräfte durchzusetzen. Solange China der profitabelste Markt ist, gehen das Kapital und die Investitionen dorthin. Unabhängig davon, was Ministerinnen in Peking fordern.
Reiches Reise folgt auf Bundeskanzler Merz Besuch im Februar 2026, bei dem er China als „wichtige Säule der deutschen Außenwirtschaftspolitik" bezeichnete. Das ist die offizielle Linie: China bleibt zentral, trotz allem. Partner, Wettbewerber und Systemrivale gleichzeitig: die Formel, die die Europäische Kommission vor Jahren geprägt hat und die seither als Orientierung gilt, weil niemand eine bessere gefunden hat.
Die Frage ist, ob diese Dreifachrolle dauerhaft funktioniert. Partner sein, wenn es um Rohstoffe geht. Wettbewerber sein, wenn es um Märkte geht. Systemrivale sein, wenn es um Werte und politische Ordnung geht. Das setzt voraus, dass alle Beteiligten die gleichen Kategorien verwenden und die gleichen Grenzen respektieren. China tut das nicht notwendigerweise. Für Peking ist Wirtschaft nicht von Geopolitik getrennt: das zeigen die Exportkontrollen, die als Reaktion auf US-Politik eingesetzt wurden, ohne Rücksicht darauf, dass Deutschland in diesem Konflikt nicht die Hauptpartei ist.
Deutschland sitzt im Kreuzfeuer einer Auseinandersetzung zwischen Washington und Peking, die es nicht vollständig kontrollieren kann. Es braucht Rohstoffe, die China liefert. Es exportiert Maschinen und Autos, die China kauft. Es ist verbündet mit den USA, die China unter Druck setzen. Diese Gemengelage erfordert eine Außenwirtschaftspolitik, die alle drei Dimensionen gleichzeitig im Blick hat; und die ehrlich ist darüber, dass das nicht ohne Kompromisse geht.
Reiche macht das Richtige, wenn sie nach Peking fährt und die Forderungen offen formuliert. Dialog ist besser als kein Dialog, und Rohstoffabhängigkeiten werden nicht kleiner, wenn man sie nicht anspricht.
Aber Dialog allein ist keine Strategie. Solange Deutschland keine glaubwürdigen Alternativen zu chinesischen Seltenen Erden hat, und die Diversifizierung, die seit Jahren gefordert wird, in der Praxis langsam vorankommt, ist die Verhandlungsposition schwach.
Man fordert transparente Verfahren von einem Partner, den man sich nicht leisten kann zu verlieren.
Das weiß auch Wang Wentao. Und das ist der eigentliche Subtext dieser Reise: nicht Stärke, sondern Notwendigkeit. Deutschland braucht China mehr, als es öffentlich zugeben will. Und China weiß das.
Die strategische Souveränität, die Politiker gerne beschwören, beginnt mit dem Aufbau von Alternativen.
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