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Zusammenarbeit mit Russland? Merkels Appell für ein eigenständiges Europa

Angela Merkel hat sich zurückgemeldet. Bei einem Auftritt in Berlin forderte sie Europa auf, eigene diplomatische Kanäle nach Moskau zu entwickeln, statt die USA als einzigen Gesprächspartner mit Russland zu akzeptieren. Militärische Unterstützung der Ukraine sei weiterhin notwendig, sagt sie. Aber Abschreckung ohne Diplomatie bleibe unvollständig. Waffen und Gespräche, nicht Waffen oder Gespräche.

JZ-Überblick (Kurz und knackig):
  • Merkels Kernforderung: Europa soll wieder eigenständig und direkt mit Wladimir Putin sprechen; nicht nur die USA.
  • Doppelstrategie: Weiterhin militärische Unterstützung für die Ukraine, aber parallel mehr Diplomatie mit Russland.
  • Kritik aus Osteuropa: Politiker aus Polen und dem Baltikum werfen Merkel vor, alte Fehler zu wiederholen und Moskau zu unterschätzen.
  • Merkels Argument: Im Kalten Krieg sei Abschreckung immer mit Gesprächen kombiniert worden; das fehle Europa heute.
  • Politische Sprengkraft: Die Debatte berührt Merkels umstrittene Russland‑Bilanz: von Minsk bis Nord Stream.

Reichstagsgebäude in Berlin mit deutscher Flagge im Vordergrund; historische Fassade mit Säulen und der Inschrift "Dem Deutschen Volke".
Debatte um Europas Russlandpolitik: Nach Merkels Vorstoß für neue Gesprächskanäle mit Putin wächst der politische Druck in Berlin.

Das ist eine nachvollziehbare Position. Es ist auch die Position einer Frau, deren Russlandpolitik seit 2022 unter schwerem Beschuss steht.

Beides gleichzeitig zu sagen, ist wichtig.

Merkel hat über Jahre auf Dialog und wirtschaftliche Verflechtung mit Russland gesetzt. Nord Stream. Gesprächskanäle, die offengehalten wurden, als andere bereits warnten. 2025 beschrieb sie in einem Interview, sie habe 2021 einen EU-Dialog mit Putin angestrebt und sei am Widerstand Polens und der baltischen Staaten gescheitert, eine Erzählung, die in Warschau und Tallinn mit Empörung aufgenommen wurde. Der estnische Außenminister nannte ihre Aussagen „unverschämt" und erinnerte daran, was die beschwichtigende Russlandpolitik des Westens vor 2022 ermöglicht hatte.

Aus dieser Perspektive klingt Merkels neuerlicher Ruf nach Dialog wie eine Wiederholung.

Und trotzdem ist die Sache komplizierter.

Merkel spricht nicht von Kapitulation. Sie spricht nicht davon, die Ukraine zu Zugeständnissen zu drängen. Sie argumentiert, Europa müsse ein eigenständiger Akteur sein, nicht nur zahlen, liefern und sanktionieren, sondern mitgestalten. Das ist keine pazifistische Forderung. Das ist eine strategische: Wer militärisch und wirtschaftlich fest steht, kann verhandeln, ohne sich zu verkaufen.

Ob das stimmt, hängt davon ab, wen man fragt.

Für Osteuropa ist zu viel mit Putin geredet worden. Georgien 2008. Krim 2014. Donbass. Jedes Mal gab es Gespräche, Kanäle, Formate. Jedes Mal zog Russland seine eigenen Konsequenzen. Die Sorge, die Polen und die baltischen Staaten formulieren, ist keine Hysterie, sie ist historisch informiert. Wenn Europa neue Gesprächskanäle nach Moskau öffnet, könnte das dort als Signal gelesen werden: Der Westen ist gesprächsbedürftiger als Russland. Das ist das Gegenteil von Stärke.

Gleichzeitig ist die Frage, die Merkel stellt, eine echte: Welche Rolle will Europa in diesem Krieg spielen? Flankierung der US-Politik, Finanzier und Waffenlieferant: oder eigener Akteur, der Formate mitgestaltet und nicht wartet, was Washington entscheidet? Das sind zwei verschiedene Selbstbilder, und Europa hat sich bisher nicht klar entschieden.

Was Merkels Auftritt verkompliziert, ist die Person. Hätte eine andere Politikerin dieselbe Forderung gestellt, jemand ohne Nord-Stream-Geschichte, ohne Jahrzehnte der Annäherungspolitik, ohne das Erbe des „Wandel durch Handel", wäre die Reaktion vermutlich differenzierter. Aber Merkel ist nicht jemand anderes. Sie trägt ihre Geschichte mit, und diese Geschichte ist der Resonanzraum, in dem ihre Worte gehört werden.

Das macht eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt schwieriger. Und es ist ein Problem, das Merkel selbst verursacht hat, nicht durch den heutigen Auftritt, sondern durch die Politik davor.

Die tiefere Frage, die sie aufwirft, ist aber unabhängig von ihrer Person: Wie viel Dialog mit einem Aggressor ist verantwortbar? Wann ist Schweigen stärker als jedes Gespräch? Und wann wird aus taktisch kluger Stärke einfach nur Gesprächsbereitschaft, die niemanden beeindruckt?

Der Kalte Krieg, auf den Merkel verweist, funktionierte mit Abschreckung und Gesprächen gleichzeitig. Das stimmt. Er funktionierte auch, weil beide Seiten wussten, was die andere machen würde; und weil die Kanäle in Krisen nicht zusammenbrachen. Ob dieses Modell auf 2026 übertragbar ist, auf einen laufenden Krieg, auf ein Russland unter Putin, auf eine Ukraine, die niemand fragen will; das ist die Frage, die Merkel nicht beantwortet. Sie stellt sie. Das ist nicht nichts. Aber in Warschau und Tallinn reicht das nicht.



Von: Jonas
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