- Zahl der Apotheken sinkt weiter: 16.541 Stand Ende März 2026, 60 weniger als zum Jahreswechsel
- 2025 schlossen über 500 Apotheken, nur 62 eröffneten neu
- Seit 2013 hat jede fünfte Apotheke in Deutschland aufgegeben
- Gründe: stagnierende Vergütung, Online Handel, steigende Kosten, Personalmangel, strukturschwache Regionen besonders betroffen
Man kann diese Zahlen lesen und sie abstrakt finden. Oder man kann sich vorstellen, was sie bedeuten, wenn die letzte Apotheke im Dorf zumacht und die nächste zwanzig Kilometer entfernt ist; für jemanden ohne Auto, im Winter, mit einem kranken Kind.
Das ist kein hypothetisches Szenario. In 48 Kommunen in NRW gibt es inzwischen nur noch eine einzige Apotheke. Eine. Wenn die schließt, ist die Versorgung weg.
Warum so viele Apotheken aufgeben, lässt sich nicht auf einen Satz reduzieren, aber die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Rund 80 Prozent des Umsatzes einer Apotheke entfallen auf Medikamente: Waren, die zu festgelegten Preisen verkauft werden, mit regulierten Margen. Die Vergütung für Apothekenleistungen ist seit über zehn Jahren weitgehend unverändert. Personal- und Betriebskosten sind in dieser Zeit gestiegen, wie überall. Das durchschnittliche Betriebsergebnis vor Steuern liegt bei rund 162.000 Euro, was für einen Selbstständigen mit Personalverantwortung, Nachtdiensten und Haftungsrisiken wenig ist, auch wenn die Zahl auf dem Papier nicht klein klingt. Die durchschnittliche Gewinnmarge liegt bei 4,4 Prozent.
Das ist kein Spielraum. Das ist eine Existenz auf Kante.
Verbände fordern seit Jahren mehr; konkret wäre eine Erhöhung des Fixums auf 9,50 Euro pro abgegebener Packung ein erster Schritt. Das ist nicht konkretisiert. Die Bundesregierung verspricht finanzielle Stärkung, ohne zu sagen, wann und wie. 78 Prozent der befragten Apothekerinnen und Apotheker glauben nicht, dass die Politik ihre Sorgen ernst nimmt.
Das ist eine Zahl, die nachhallen sollte.
Das Muster der Schließungen ist bundesweit, aber nicht gleichmäßig. Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Westfalen-Lippe; überall mehr Schließungen als Eröffnungen, nirgendwo ein Gegentrend. Besonders hart trifft es ländliche Regionen und strukturschwache Stadtteile. Nicht weil die Menschen dort weniger Medikamente brauchen. Sondern weil sie weniger Kaufkraft haben, weniger Laufkundschaft bringen, weniger wirtschaftlichen Puffer bieten. Apotheken folgen der Ökonomie, wie alle anderen auch.
91 Prozent der Apothekenteams erwarten, dass die Schließungswelle sich 2026 beschleunigt. Das ist keine Panikmache. Das ist eine Einschätzung von Menschen, die täglich in diesem System arbeiten und wissen, was kommt.
Man muss dabei auch sagen, was die öffentliche Debatte oft ausspart: Online Apotheken haben den Markt verändert. Wer Medikamente regelmäßig bestellt, macht das zunehmend digital: teilweise günstiger, bequemer, ohne Öffnungszeiten. Das ist eine Entwicklung, die sich nicht rückgängig machen lässt, und die für viele Menschen tatsächlich praktisch ist. Aber Online Apotheken nehmen keine Notdienste wahr. Sie beraten nicht bei akuten Symptomen, sie können nicht einschätzen, ob eine Wechselwirkung gefährlich ist. Sie liefern und fertig. Aber sie ersetzen nicht, was eine Apotheke vor Ort leistet.
Wenn die stationäre Versorgung weiter erodiert, wird das sichtbar; nicht sofort, sondern in Momenten, in denen jemand dringend etwas braucht und niemand da ist. Notdienste, die größere Gebiete abdecken müssen. Längere Wege, die für manche Menschen echte Hürden sind. Eine Resilienz im Gesundheitssystem, die mit jeder Schließung kleiner wird.
Die ABDA sagt dazu:
"Die Resilienz unserer Gesundheitsversorgung wird mit jeder Schließung weiter geschwächt."
Das Apothekensterben ist kein Randphänomen und kein kurzfristiger Einbruch. Es ist ein strukturelles Problem, das sich seit Jahren abzeichnet, das gut dokumentiert ist, und auf das die Politik bisher keine konkrete Antwort gegeben hat.
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