Direkt zum Hauptbereich

Vom Dach an die Börse: Plant Berlin das Ende der privaten Energiewende?

Es gibt Gesetze, die still und leise funktionieren. Die niemand feiert, die kaum jemand versteht, die aber irgendwie das Land verändern: Dach für Dach, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war so ein Gesetz. Seit dem Jahr 2000 hat es dafür gesorgt, dass Photovoltaikanlagen weltweit so billig wurden, dass man sie sich heute leisten kann. Anlagen kosten inzwischen nur noch zehn Prozent dessen, was sie vor 25 Jahren kosteten. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine der bemerkenswertesten Kostenreduktionen in der Geschichte der Energietechnik und Deutschland hat sie angestoßen, ob man das nun mag oder nicht.

Und jetzt kommt Katherina Reiche.

Das Bundeswirtschaftsministerium plant, die garantierte Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen zu streichen. Ab 2027 sollen Anlagen bis 25 Kilowatt keine feste Vergütung mehr erhalten. Wer Geld für seinen eingespeisten Strom will, muss ihn direkt am Markt verkaufen, zum schwankenden Börsenpreis, der an manchen Tagen sogar negativ wird. Für eine Privatperson mit Dachanlage, die weder Handelsabteilung noch Echtzeitdaten hat, ist das ungefähr so praktikabel wie der Vorschlag, seinen Gemüsegarten an der Rohstoffbörse zu handeln.

Solaranlagen auf einem Feld. Während die Sonne scheint.


Die Begründung des Ministeriums klingt zunächst nicht unvernünftig. Kleine Anlagen rechneten sich heute vielfach bereits durch hohen Eigenverbrauch: für Wärmepumpen, Wallboxen, den normalen Haushalt. Wer investiere, habe sein Geld in wenigen Jahren zurück. Warum also noch fördern?

Das ist nicht gelogen. Stimmt sogar teilweise.

Aber es erklärt nicht, warum man ausgerechnet bei den günstigen Neuanlagen ansetzt. Die teuren Altverträge, Vergütungssätze usw. von teils über 50 Cent pro Kilowattstunde, abgeschlossen zwischen 2006 und 2012, machen nach wie vor den Löwenanteil des EEG-Kontos aus. Dort passiert durch diese Reform: nichts. Die laufen aus, irgendwann, von selbst. Wer also sagt, hier gehe es ums Sparen, der sollte das erklären.

Wer tatsächlich profitiert, ist eine andere Frage und keine, die das Ministerium laut stellt. Weniger Solaranlagen bedeuten weniger Eigenverbrauch, mehr Netzbezug, höhere Einnahmen für Netzbetreiber. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist schlichte Marktlogik.

Die Branche hat entsprechend reagiert. Mira Wenzel von Agora Energiewende warnte, ein abrupter Stopp der Einspeisevergütung würde kleine Dachanlagen unwirtschaftlich machen und den gesamten Ausbau abwürgen. Der Bundesverband Solarwirtschaft sprach von einem Kahlschlag. Und auch aus den eigenen Reihen der Union und vom Koalitionspartner SPD kommt Widerstand.

Vielleicht ist das der Punkt. Im Umfeld des Ministeriums heißt es, der Entwurf sei vor allem Verhandlungsmasse, man fordert viel, um am Ende wenigstens etwas durchzubekommen. Realpolitik. Oder Taktik. Oder beides. Oder niemand weiß genau, was er will, und das nennt man dann Strategie.

Was mich dabei am meisten beschäftigt, ist eigentlich etwas anderes. Der geplante Zwang zur Direktvermarktung setzt intelligente Messsysteme voraus, Zugang zu Marktdaten, eine Infrastruktur, die flächendeckend noch gar nicht existiert. Man streicht also eine Förderung, bevor eine Alternative funktioniert. Das ist keine Marktliberalisierung. Das ist die Abschaffung einer Brücke, bevor die nächste gebaut ist.

Deutschland will bis 2030 seinen Erneuerbaren-Anteil am Strom auf 80 Prozent steigern. 2025 lag man bei 58 Prozent. 22 Punkte in fünf Jahren und bremst gleichzeitig das Segment, das in den letzten Jahren am verlässlichsten gewachsen ist.

Das EEG hat funktioniert. Zwar nicht ohne Fehler. Aber es hat ein Land dazu gebracht, seine Dächer sinnvoll zu nutzen, und eine Technologie so weit verbilligt, dass sie heute weltweit konkurrenzfähig ist. Das jetzt abzubrechen, weil die Anlagen endlich günstig genug sind, das ist als würde man ein Trainingsprogramm beenden, weil der Athlet endlich in Form ist.

Manchmal fragt man sich, ob in Ministerien irgendjemand zu Ende denkt. Oder ob das Nachdenken auch irgendwann gestrichen werden soll.







Von: Jonas
Quelle: Tagesspiegel
Bildquelle: Andres Siimon auf Unsplash
JZ-App

Kommentare

Beliebte Beiträge

„Transformer": Amazon will mal wieder ein Handy bauen

Stellt euch kurz vor, ihr seid der Typ bei Amazon, der 2014 im Meeting saß und sagen musste: „Chefs, wir haben gerade 170 Millionen Dollar verbrannt und niemand hat das Ding gekauft." Das Fire Phone war kein Flop; es war ein sozusagen ein Totalschaden. Und jetzt, zwölf Jahre später, klopft Amazon wieder an die Tür des Smartphone-Markts. Mit Helm diesmal. Hoffentlich. Das Trauma von 2014: Eine kurze Erinnerung Zur Einordnung: Jeff Bezos persönlich hat 2014 das Fire Phone auf die Welt losgelassen: Inklusive 3D-Display-Trickserei und einer Kamera, die Gegenstände identifizieren sollte. Niemand wollte das. Fire OS hatte kaum Apps, die Kamera fraß den Akku leer und verursachte Überhitzung. Nach 14 Monaten war der Drops gelutscht – 170 Millionen Dollar Abschreibung inklusive. Jeff Bezos hat damals öffentlich gesagt, ein einziger großer Erfolg gleicht viele Fehlschläge aus. Klingt mutig. Klingt aber auch nach jemandem, der gerade sehr viel Geld verloren hat und eine schöne Erklärung d...

Microsoft: Windows 11 nun mit weniger KI und einer besseren Taskleiste

Microsoft hat angekündigt, Windows 11 grundlegend umzuändern. Und das Merkwürdige daran: Es klingt tatsächlich vernünftig. Fangen wir mit der Taskleiste an Seit Windows 11 im Herbst 2021 erschienen ist, gehört die Frage, warum man die Taskleiste nicht mehr verschieben kann, zu den meistdiskutierten Nutzerbeschwerden überhaupt. In Foren, in Kommentarspalten, in jedem zweiten Tech-Podcast. Die Funktion war jahrelang da, selbstverständlich da, und dann hat Microsoft sie einfach gestrichen. Die offizielle Begründung damals war sinngemäß: nicht wichtig genug. Zu wenige Nutzer würden das wirklich brauchen. Windows Chef Pavan Davuluri hat jetzt offiziell angekündigt, genau das zurückzubringen. Oben, links, rechts : Wie früher halt. Wie es sich gehört. Wie es vier Jahre lang nicht ging, obwohl es vorher ging. Vier Jahre. Für eine Funktion, die schon da war. Ich will das nicht übertreiben: Es ist eine Taskleiste, keine Frage von welthistorischer Bedeutung. Aber es ist symptomatisch für etwas, d...

WWDC 2026: Apple lädt am 8. Juni ein und muss diesmal liefern

Jedes Jahr im Juni passiert dasselbe. Apple zieht den Vorhang auf, Tim Cook steht auf der Bühne im Apple Park, und irgendwo auf der Welt flippen Menschen aus, weil das iPad jetzt die Taschenrechner-App hat. Das ist kein Vorwurf. Das ist Tradition. Die WWDC 2026 findet vom 8. bis 12. Juni statt, wieder überwiegend online. Keynote am 8. Juni, danach die übliche Woche voller Sessions, die sich neunzig Prozent der Zuschauer nicht ansehen werden. Auf dem Programm: iOS 27, iPadOS 27, macOS 27, watchOS 27, visionOS 27, tvOS 27. Apple hatte, für die es noch nicht wissen, 2025 die Versionsnummern mit den Jahreszahlen synchronisiert und iOS 19 einfach übersprungen. Wer das Update auf sein iPhone will: Entwicklerbeta direkt nach der Keynote, öffentliche Beta ist erst im Juli, finale Version im September. Also Geduld. Aber das Datum ist nicht die eigentliche Geschichte. Die eigentliche Geschichte heißt Siri. Seit der Kooperation mit Google und der Gemini-Integration wird erwartet, dass Siri en...

Neue Erkenntnisse: Irgendwo da draußen könnte jemand leben und er braucht dafür keine Sonne

Stellt euch kurz vor: Ihr seid ein Mond. Ihr umkreist einen Planeten, der selbst keinen Stern hat. Der einfach so durch die schwarze Leere trudelt, ohne Ziel, ohne Wärme, ohne Licht. Von außen betrachtet klingt das nach dem  ungemütlichsten   Ort im Universum. Dunkelheit, minus 200 Grad, wahrscheinlich schlimmer. ...Und trotzdem plätschert unter eurer Oberfläche ein Ozean. Man dachte lange:  Wer keinen Stern hat, hat keine Wärme. Kein Licht. Kein Leben. Das klingt nach Science-Fiction. Es ist Wissenschaft. Und sie kommt aus München. Zuerst kurz zur Erklärung, was ein freifliegender Planet überhaupt ist, weil das klingt, als hätte sich jemand das ausgedacht. Hat er nicht. In den frühen, chaotischen Phasen der Planetenbildung können junge Planeten durch gravitative Wechselwirkungen so stark gestört werden, dass sie aus ihrem Sonnensystem herausgeschleudert werden. Seitdem driften sie alleine durch die Galaxis, ohne Stern, ohne Heimat. Kosmische Obdachlose. Und sie sind n...

Diagnose Schulstress: Jeder Vierte Schüler am Limit

Die Robert Bosch Stiftung hat die neuen Zahlen des Deutschen Schulbarometers vorgelegt: und das ist wirklich ein erschreckendes Ergebnis. Wir reden hier nicht mehr nur von ein bisschen Stress vor den Klausuren. Die psychische Belastung bei Schülern schießt gerade massiv durch die Decke. Mentale Gesundheit: Jedes vierte Kind ist am Limit   Jeder vierte Schüler (25 %) zeigt mittlerweile psychische Auffälligkeiten. Vor zwei Jahren waren es noch 21 %: Der Trend geht also in die völlig falsche Richtung. Besonders bitter: Wenn das Geld zu Hause knapp ist, steigt die Quote sogar auf 31 %. Der Leistungsdruck frisst die Freizeit auf; fast die Hälfte der Befragten gibt an, dass das Wochenende eigentlich nur noch aus Lernen besteht. Wo bleibt da bitteschön das Leben? Mobbing als Dauerzustand: Der Schulweg macht Angst   Für viel zu viele ist die Schule kein sicherer Ort, sondern Stress pur. Ein Drittel der 11- bis 17-Jährigen wird mindestens einmal im Monat schikaniert und gemobbt. Mit 14...