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Neue Erkenntnisse: Irgendwo da draußen könnte jemand leben und er braucht dafür keine Sonne

Stellt euch kurz vor: Ihr seid ein Mond. Ihr umkreist einen Planeten, der selbst keinen Stern hat. Der einfach so durch die schwarze Leere trudelt, ohne Ziel, ohne Wärme, ohne Licht. Von außen betrachtet klingt das nach dem ungemütlichsten Ort im Universum. Dunkelheit, minus 200 Grad, wahrscheinlich schlimmer.

...Und trotzdem plätschert unter eurer Oberfläche ein Ozean.

Einen klaren Sternenhimmel
Man dachte lange: Wer keinen Stern hat, hat keine Wärme. Kein Licht. Kein Leben.


Das klingt nach Science-Fiction. Es ist Wissenschaft. Und sie kommt aus München.

Zuerst kurz zur Erklärung, was ein freifliegender Planet überhaupt ist, weil das klingt, als hätte sich jemand das ausgedacht. Hat er nicht. In den frühen, chaotischen Phasen der Planetenbildung können junge Planeten durch gravitative Wechselwirkungen so stark gestört werden, dass sie aus ihrem Sonnensystem herausgeschleudert werden. Seitdem driften sie alleine durch die Galaxis, ohne Stern, ohne Heimat. Kosmische Obdachlose. Und sie sind nicht selten: Astronomen haben in unserer Galaxis bereits dutzende solcher Wanderer entdeckt.

Das Problem war immer dasselbe. Wer keinen Stern hat, hat keine Wärme. Kein Licht. Kein Leben.

Dachte man jedenfalls...

Ein Forschungsteam des Exzellenzclusters ORIGINS an der Ludwig-Maximilians-Universität München hat jetzt gezeigt, dass das so einfach nicht stimmt. Der Schlüssel sind die Monde dieser einsamen Planeten und ein physikalisches Prinzip, das man von der Erde kennt, nur extremer.

Wenn ein Planet aus seinem System geworfen wird, verliert er dabei nicht unbedingt seine Monde. Aber der Rauswurf verändert deren Bahnen. Sie werden stark elliptisch, der Abstand zwischen Mond und Planet schwankt ständig, was intensive Gezeitenkräfte erzeugt. Wer sich vorstellt, wie jemand rhythmisch einen Gummiball zusammendrückt und wieder dehnt, hat das Prinzip: durch die Reibung entsteht Wärme. Genau das passiert hier, nur dass der Gummiball ein Mond in der Größe der Erde ist. Diese Gezeitenheizung kann ausreichen, um flüssige Wasserozeane an der Oberfläche zu erhalten, mitten in der Kälte des interstellaren Raums, vollständig ohne Stern. Heizung von innen statt von außen.

Aber flüssiges Wasser allein reicht nicht. Ohne eine Atmosphäre, die die Wärme hält, verpufft alles ins All. Frühere Studien hatten Kohlendioxid als Treibhausgas untersucht unter den extremen Kältebedingungen freifliegender Systeme würde CO₂ jedoch schlicht gefrieren. Die Atmosphäre verliert ihre Schutzwirkung, das war das Ende des Gedankenexperiments.

Das Münchner Team hat stattdessen Wasserstoff berechnet. Eine dichte Wasserstoffatmosphäre unter hohem Druck bildet kurzlebige Molekülkomplexe, die Wärmestrahlung aufnehmen und zurückhalten können. Wasserstoff bleibt dabei auch bei extremer Kälte stabil, wo CO2 längst aufgegeben hätte.

Was mich an dieser Forschung nicht loslässt, ist nicht die Technik. Es ist der Gedanke dahinter. Jahrzehntelang hat die Suche nach Leben im All eine stille Grundannahme gehabt: Leben braucht einen Stern. Es braucht eine sogenannte "habitale Zone", diesen schmalen Gürtel um eine Sonne, in dem die Temperaturen gerade stimmen. Alles außerhalb davon war per Definition lebensfeindlich.

Diese Studie sagt: vielleicht nicht.

Wenn Monde freifliegender Planeten tatsächlich flüssige Ozeane halten können, über Milliarden von Jahren, tief im interstellaren Raum, dann ist die Zahl potenziell lebensfreundlicher Orte im Universum nicht kleiner als gedacht. Sie ist größer. Vielleicht erheblich größer.

Freifliegende Planeten sind nicht selten. In unserer Galaxis dürfte es davon mehr geben als Sterne. Jeder mit einem Mond. Jeder Mond mit einer elliptischen Bahn. Jede elliptische Bahn mit Gezeitenwärme.

Irgendwo da draußen, in der Dunkelheit zwischen den Sternen, könnte gerade etwas leben. Es kennt keine Sonne. Es hat noch nie einen Sternenhimmel gesehen. Und es braucht beides nicht.








Von: Jonas
Quellen: LMU München und Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik
Bildquelle: Jeremy Thomas auf Unsplash
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