Curiosity fand bereits 2021/2022 in der Probe Mary Anning 3 die vielfältigste Sammlung organischer Moleküle, die je auf dem Mars entdeckt wurde
Insgesamt 21 organische Moleküle, davon 7 erstmals auf dem Mars nachgewiesen
Darunter ein Molekül, das als Vorstufe von RNA/DNA gilt
Analyse erfolgte mit einem chemischen Nass‑Labor‑Verfahren (TMAH) im SAM‑Instrument
Kein Beweis für Leben, aber stärkster chemischer Hinweis auf frühere Lebensfreundlichkeit des Mars
Die Probe heißt „Mary Anning 3". Entnommen vor rund sechs Jahren, analysiert im bordeigenen Minilabor, veröffentlicht 2021 und 2022 in der Fachzeitschrift Nature. Ein Team um die Astrobiologin Amy Williams von der University of Florida identifizierte darin 21 organische Verbindungen, kohlenstoffhaltige Moleküle, sieben davon zuvor noch nie auf dem Mars nachgewiesen. Die größte Vielfalt organischer Moleküle, die je auf dem Roten Planeten gefunden wurde.
Man sollte kurz innehalten, bevor man weiterliest.
Was bedeutet organisch in diesem Kontext? Nicht das, was auf der Lebensmittelverpackung steht. Organische Chemie beschreibt Kohlenstoffverbindungen, die Bausteine des Lebens sind, aber nicht zwingend Produkte des Lebens. Das ist der Unterschied, der in der öffentlichen Berichterstattung über Marsforschung regelmäßig verloren geht. Wenn Forscher organische Moleküle auf dem Mars finden, bedeutet das nicht, dass dort etwas gelebt hat. Es bedeutet, dass die Chemie vorhanden war, die Leben ermöglicht.
Darunter befand sich auch ein Stickstoff-Heterozyklus, dessen Struktur als mögliche Vorstufe von RNA und DNA interpretiert wird. Ein Molekül, das theoretisch zu den Grundstrukturen des Lebens führen kann. Theoretisch. Das Wort verdient Respekt, auch wenn es den Enthusiasmus bremst.
Wie Curiosity diese Moleküle überhaupt identifizieren konnte, ist für sich genommen bemerkenswert. Das bordeigene Labor SAM nutzte ein Verfahren namens TMAH-Thermochemolyse, vereinfacht: eine Art chemisches Nassverfahren, das organische Stoffe in charakteristische Fragmente aufbricht und damit identifizierbar macht. Es war das erste Mal, dass dieses Verfahren auf einem anderen Planeten eingesetzt wurde. Die Erde hat also gerade zum ersten Mal auf dem Mars Chemie gemacht, die man bis dahin nur im Labor kannte.
Die Probe ist vermutlich 3,5 Milliarden Jahre alt. Aus einer Zeit, in der der Mars noch Seen hatte, Flüsse, tonreiche Sedimente. Einer Zeit, in der das, was wir heute als leblose Wüste kennen, anders war, feuchter, dichter, bewohnbarer. Die Fundstelle ist nach Mary Anning benannt, der britischen Fossiliensammlerin aus dem 19. Jahrhundert, die Dinosaurierknochen aus Klippen kratzte und dafür wenig Anerkennung bekam, weil sie eine Frau war. Ein passender Name für eine Probe, die vielleicht etwas ebenso Altes und ebenso Unerwartetes enthält.
Die Wissenschaft bleibt vorsichtig. Das ist keine Feigheit, das ist Methode. Die Moleküle könnten biologischen Ursprungs sein. Sie könnten durch geologische Prozesse entstanden sein. Sie könnten durch Meteoriten auf den Mars gelangt sein, denn die Verbindung Benzothiophen, eine der gefundenen Substanzen, taucht auch in Meteoriten auf. Drei Erklärungen, alle plausibel, keine bewiesen.
Was die Entdeckung trotzdem bedeutsam macht, ist etwas anderes: Sie zeigt, dass organische Moleküle auf dem Mars über Milliarden Jahre konserviert werden können. Dass die Tonminerale, die sich durch wiederholte Überflutungen und Austrocknungen bildeten, organische Verbindungen schützen wie ein natürliches Archiv. Das ändert die Bedingungen der Suche. Wer nach Spuren früheren Lebens sucht, braucht nicht nur die richtigen Moleküle, er braucht einen Ort, der sie erhalten hat.
Gale-Krater ist so ein Ort. Mary Anning 3 war so eine Probe.
Was sich durch diesen Fund verändert hat, ist die Frage selbst. Jahrzehntelang lautete sie: Gab es Leben auf dem Mars? Sie ist nicht beantwortet. Aber sie ist präziser geworden. Die Bausteine waren da. Die Bedingungen waren einmal vorhanden. Die Chemie funktioniert, und sie hält sich, länger als man dachte. Die neue Frage ist nicht mehr, ob die Grundvoraussetzungen existierten. Sie ist, ob irgendetwas damals den Schritt gemacht hat, den wir Leben nennen. Curiosity kann das nicht beantworten. Es rollt trotzdem weiter.
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